Tag 51 - Auszeit fast beendet

Was zuletzt geschah: ich habe mir eine 10-tägige AT-Auszeit genommen und habe mit in Florida vergnügt. Per Mietauto war ich in Miami, Fort Myers, Key West, Hollywood und Fort Lauderdale. Viel Strand und Ozean.

 

Highlight waren natürlich Miami Beach und der unglaublich lange Strand vor der Kulisse der Hochhäuser. Fort Myers mit dem weißesten und feinsten Sand, den ich jemals zwischen meinen Pobacken hatte und natürlich der Sonnenuntergang in Key West.

Nicht zu vergessen Sanibel Island (nahe Fort Myers, der Strand mit den meisten Muscheln, den ich bisher gesehen habe - unglaublich.

 

Ok, das war ja schon mein dritter Roadtrip in Florida, aber es ist immer wieder begeisternd - trotz des vielen Verkehrs.

 

Anschließend habe ich noch knapp 5 Tage mit Shiloh in Portland und am Lake Sebago, in einer Ferienhütte direkt am See. Dort hatten wir auch zwei sehr schöne Dayhikes in die Umgebung unternommen.

Alles in allem eine tolle Zeit und eine willkommene Abwechslung zum wandern auf dem Appalachian Trail. 

Heute hat mich Shiloh nach Monson gefahren, eine kleine Ortschaft unweit des AT in Maine, von dort beginne ich morgen meine letzte Etappe zum Northern Terminus des AT, Mount Katahdin. Diese letzte Etappe ist die “hundred miles wilderness”, 100 Meilen bis zum Mount Katahdin, ohne Zwischenstopp und Trailtown dazwischen.

Hier in Monson übernachte ich im berühmten Shaw’s Hiker Hostel in einem geräumigen Zelt. Man hat hier die Möglichkeit einen “food drop” zu buchen, sich also Proviant an eine Forststraße nach 60 Meilen liefern zu lassen, damit man nicht Verpflegung für 10 Tage mitschleppen muss. 

 

Tag 52 - the hundred miles wilderness

Auf geht es in die Hundred Miles Wilderness - “Poet”, der Inhaber von Shaw’s Hiker Hostel fährt mich um 9:00 Uhr zum Trailhead. Es hat in der Nacht ziemlich stark geregnet, und die ersten 5-6 Meilen sind gepflastert mit rutschigen Steinen und Wurzeln. Mir kommen die ersten SOBOs entgegen (Hiker die den AT von Nord nach Süd gehen), unter Ihnen auch “Pretty Boi” aus Heilbronn, er ist ein begeisterter Weitwanderer und ist dieses Jahr schon den Arizona Trail und den Colorado Trail gelaufen. Ein Entgegenkommender erzählt mir, er sei schon zweimal gestürzt - also schon vorsichtig. Ab Mittag wird das Wetter besser und es gibt die ersten zarten Aussichten auf die Weite des Nationalparks. Am Nachmittag gibt es dann die Esten “richtigen” Flussüberquerungen, also Flüsse mit Strömung und gut 20 Meter breit. 

Am ersten Fluss versuche ich es barfuß und Rutsche wie wild auf den runden und moosigen Steinen aus, das ganze Flussbett ist mit Steinen übersäht, ich rutsche umher und haue mir alle Zehen an. Never again - echt gefährlich, dann doch lieber einen sicheren Stand und nasse Schuhe.

Den nächsten Fluss überquere ich mit Socken und Schuhen (ohne Socken wäre besser gewesen) und kurz darauf finde ich einen winzigen, Nahe am Wasserfall gelegen Campspot. Die ersten 16 Meilen sind geschafft. 

Am Nachmittag hatte ich kurzzeitig leichte Knieschmerzen links, beim bergab gehen - aber nach einer Weile auf gerader Strecke oder bergauf, waren sie wieder weg. Das selbe Symptom hatte ich bei der Tageswanderung mit Shiloh, runter vom Mount Scicoura letzte Woche …

 

Tag 53 - ups and downs

Wie so oft auf dem AT gilt es vor dem Frühstück erst mal einen Berg zu erklimmen. Heute ist es der Barren Mountain, es geht ziemlich steil über 700 Höhenmeter hinauf, aber die Ausblicke entschädigen für jeden Fluch und jeden Tropfen Schweiß.

Insgesamt gilt es heute 4-5 Gipfel der “Chairback Mountains” zu erobern, meist über steinige Treppen oder einfach über große Steine. Am Nachmittag treffe ich an eben so einem Anstieg auf ein Team von Freiwilligen, die den Trail instandsetzen “Trail Maintance”. Sie sind gerade dabei einen steilen Anstieg zu entschärfen und weitere einzelne Steinstufen einzufügen. 

Eine Freiwillige bemerkt meine am Rucksack baumelnde Jakobsmuschel und fragt, ob ich den Camino gelaufen sei. Sie macht über 10 Jahren mehrereWochen pro Jahr Dienst als “Hospitalera”, als freiwillige Herbergsmutter in verschiedenen Pilgerunterkünften auf dem Camino. Ausserdem hat sie einige Jahre in München studiert - und nach noch etwas Deutsch. Einige Felsstufen weiter begrüßte mich ein anderer Arbeiter mit “Gute Reise mein Freund”, auch dieses Crewmitglied hatte mehrere Jahre in Deutschland und Österreich gearbeitet. 

Diese Leute machen einen unglaublichen Job, mit Stangen, Schaufeln und Seilzügen bewaffnet, bereiten sie den Trail und machen ihn sicherer und leichter begehbar für die Wanderer  - in ihrer Freizeit. Nicht dass der AT irgendwie sicher und leicht begehbar wäre - für deutsche Verhältnisse, hier würde sowas nie und nimmer als offizieller Wanderweg anerkannt oder beworben!

Egal - es ging auf und ab, und beim “ab” fing mein Knie wieder an zu schmerzen- aber diesmal so richtig. Bei jedem Schritt fühlte es sich an, als bekäme ich ein Messer in die Seite des linken Knies. Es ging ständig bergab, also konnte ich mir dieses Mal den Schmerz auch nicht “rauslaufen” - schließlich wurde er so stark, dass mir fast schwindlig wurde und ich mit setzte und eine Ibuprofen zu mir nahm … meine erste auf dem Trail. Nach einer 20 minütigen Pause ging es etwas besser und ich konnte den letzten Anstieg in Angriff nehmen. Und auch der abschließende gruselige Abstieg über einen “Rockslide”, ein Trümmerfeld großer Felsbrocken klappte ganz gut. Aber schließlich ließ wohl die Wirkung des Schmerzmittels nach und das Knie meldete sich wieder. Nach einer erneuten Pillen-Pause ging ich noch 20 Minuten, bis ich einen geeigneten Platz für mein Zelt fand und legte mich komplett fertig schlafen. Ich wollte abwarten, wie sich mein Knie am nächsten Morgen anfühlte  und dann entscheiden, wie es weiter geht. Denn hier in der Wilderness ist man ziemlich abgeschottet, man hat kaum Telefonempfang und es gibt nur ein paar einzelne Forststrassen, die befahrbar sind.

 

Tag 54 - the trail provides

Heute kommt es darauf an - ich verzichte auf Schmerzmittel und möchte die knapp 2 KM bergab zur Katadhin Ironworks Road Testen, ob ich einigermaßen schmerzfrei laufen kann. Wenn nicht, dann hoffe ich, dass an dieser Straße gegen Mittag ein “Food drop” stattfindet und ich mit dem Fahrer zurück nach Monson fahren kann. Es macht keinen Sinn hier in dieser Abgeschiedenheit mit Schmerzen weiter auf dem AT zu wandern. Die nächsten 7 Tage hat man kaum Handyempfang und nur 2 Straßen, die dann auch nur teilweise befahren werden.

Also - Zelt packen und los. Knapp 1,5 Stunden später habe ich die Gewissheit, dass mein AT Abenteuer 2022 hier endet. 

Bereits nach 20 Minuten muss ich pausieren und eine Schmerztablette nehmen (Ich hatte auch nur 6 eingepackt), obwohl es nicht einmal super steil bergab ging.

An der holperigen Straße angekommen, wartete dort bereits ein junges Pärchen, das zurück nach Monson wollte und auch schon eine Abholung vereinbart hatte. Wir warteten zusammen 2 Stunden, dann kam “Buddy” von Shaw’s Hostel und fuhr uns eine Stunde zurück nach Monson. Glück gehabt - oder wie man hier sagt: “the trail provides”. Der Trail gibt dir das, was du brauchst … mal abgesehen von bescheidenen Knieschmerzen. 

Buddy fragte dann nur: “das linke Knie? Ich hab gestern schon zwei Hiker mit lädiertem linken Knie abgeholt “… Ok. 

Bei Shaw’s freuten sich dann alle, mich wieder zusehen, aber bedauerten das verfrühte Ende meines Trips. Ich traf dort auch Go-Go wieder, einen jungen amerikanischen Southbounder, mit dem ich mich am Mittwoch länger unterhalten habe, als er mir entgegen kam. 

Und zu meiner totalen Überraschung war “Crunch” aus der Schweiz da, den ich vor wenigen Wochen noch in Pennsylvania getroffen hatte - der Typ fliegt über den Trail. Aber will es auch endlich hinter sich bringen, er hat auch genug von dem ständigen Hoch und Runter - besonders New Hampshire hat ihn zu schaffen gemacht. “5 Tage noch - dann bin ich fertig und habe meine Triple Crown”. Ok, ich hatte 10 Tage geplant für den restlichen Trail - da sieht man mal. 

“It is what it is”. Ich habe Shiloh geschrieben und er kommt mit Lisa seiner Freundin, die gerade zu Besuch ist, und holt mich in Monson ab. Ich konnte meinen Rückflug nach Deutschland vorverlegen und werde bereits am Montag wieder in Deutschland sein. Schneller und anders als erwartet - aber: that’s life!

Ok - hier also endet mein AT Abenteuer. Der AT war genauso beschwerlich wie ich ihn erwartet hatte, physisch fordernd und doch beeindruckend. Ich habe viele tolle Leute getroffen und interessante Gespräche geführt. Man lernt nie aus, wenn man nicht will. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zurück an die Ostküste komme und den AT weiter zu wandern oder gar einen Thruhike zu unternehmen - das geht ja auch über mehrere Jahre hinweg. 

 

We’ll see - bis dann, und danke für’s Dabeisein!